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Warum
werden in einer Demokratie die Volksinteressen so wenig
geachtet?
Manfred
Julius Müller
Warum
wird eine Politik verfolgt, die
zum
steten
Absinken der Reallöhne, Gehälter und
Renten
führt
(bei steigender Produktivität). Warum werden die
Gesetze so verändert, dass es selbst für
qualifizierte Fachleute immer schwieriger wird, einen
sicheren tariflich bezahlten Vollzeitjob zu
ergattern?
Nun
versucht man beständig, die Bevölkerung zu
beruhigen, indem man den rasanten Abstieg vertuscht,
Arbeitslose in die Frührente, 1-Euro-Jobs oder
ABM-Maßnahmen verschiebt, um dann auch noch die
demographische Entwicklung, die Kosten der Wiedervereinigung
und die globalen Rahmenbedingungen für die Misere
verantwortlich zu machen. Die vorgeschobenen
Alibierklärungen halte ich für heuchlerisch - es
handelt sich dabei um vernebelnde Halbwahrheiten.
Nur
ganz kurz: Natürlich spielt die demographische
Veränderung der Gesellschaft eine Rolle - aber dieser
Alterungsprozess vollzieht sich seit über hundert
Jahren und hat in früheren Zeiten den
Wohlstandsanstieg kaum beeinträchtigt.
Ähnlich verhält es sich mit der Wiedervereinigung
- natürlich hat der Aufbau Ost Geld gekostet - aber
im Vergleich zur Aufbauleistung nach dem verlorenen 2.
Weltkrieg waren diese Aufwendungen ein Klacks (angeblich
soll der Wiederaufbau nach dem Krieg doch der BRD sogar das
Wirtschaftswunder beschert haben).
Und
wie verhält es sich mit der Globalisierung, kann man
wenigstens das als Erklärung für den sinkenden
Wohlstand gelten lassen? Ja man kann - wobei es aber
beachtenswert ist, dass vor wenigen Jahren die
Globalisierung uns Bürgern immer noch als
Wohlstandsbringer verkauft wurde.
Aber,
und diese Einschränkung ist besonders wichtig, jede
souveräne Regierung hat es auch heute noch in der Hand,
die
Globalisierung
abzuschalten,
sich also vom globalen Dumpingwettbewerb zu lösen. Denn
schließlich ist die Globalisierung nicht wie ein
Unwetter von allein übers Land gekommen - sie ist
vielmehr die Folge einer konsequent
bürgerfeindlichen Politik (die Folge des
Zollabbaus).
Wieso
sich in einer Demokratie eine solch staatsschädigende
Politik immer wieder durchsetzen kann, möchte ich kurz
erläutern.
1.
Die lähmende Zwangsjacke der
Parteitagsbeschlüsse...
Die
Parteien stecken in einem Dilemma: Der Eindruck einer
Basta-Politik soll vermieden werden und deshalb gibt es ein
umständliches Vorschlagswesen (für alle Mitglieder
und Ortsvereine) und irgendwann formt sich aus diesem
Sammelsurium von Eingaben das Parteiprogramm. Diese
zeitraubende Prozedur führt aber zu mannigfachen
Problemen:
a) Die Auswirkungen vieler Programmpunkte sind derart
komplex und unüberschaubar, dass sie von den
Parteideligierten kaum realistisch abgeschätzt und
bewertet werden können.
b) Das Gesamtprogramm ist in der Regel nicht strategisch
durchdacht, die einzelnen Elemente nicht aufeinander
abgestimmt. Das umfangreiche Programm kann somit in sich
sehr widersprüchlich sein, weil Einzelelemente (die
separat betrachtet durchaus vernünftig klingen
können) nicht in das Gesamtkonzept passen.
2.
Die Allmacht der Kapitallobby...
Der
Begriff "Kapitallobby" wird von vielen Zeitgenossen als
stark linkslastiges Propagandageheul eingestuft. Dabei
trifft dieses Wort wie kein anderes tatsächlich den
Kern des Problems: Die Kapitalseite kann aufgrund ihr nahezu
unbegrenzten finanziellen Mittel in allen wichtigen
Bereichen Einfluss nehmen. Dabei formiert sich das Kapital
oft völlig anonym - es stecken selten böse
Menschen oder konkrete Drahtzieher dahinter.
Es
ist einfach das System: Überall wo sich Kapital
ansammelt (in Aktiengesellschaften, in Pensionsfonds, bei
den Multimillionären usw.), entsteht auch ein
Machtfaktor. Und dieser Machtfaktor verfolgt nun einmal (wie
es seine Natur ist) ganz eigene Interessen. Es werden
Wirtschaftsinstitute gegründet (die in ihren
Empfehlungen selten neutral sind), es werden starke
Verbände, PR- und Interessenvertretungen aufgebaut und
wo immer es geht bezahlte Lobbytruppen und Mietmäuler
infiltriert.
3.
Die mangelnde Neutralität der privaten Medien...
Pressefreiheit
ist
ein schönes Wort - leider aber zu schön, um
wirklich wahr zu sein. Pressefreiheit bedeutet eben nur,
dass die Politik keine Zensur ausüben darf - aber die
Chefs oder Besitzer der Verlage leider doch.
Darf man von diesen grauen Eminenzen erwarten, dass sie ihre
Einflussmöglichkeiten nicht nutzen? Kann man von den
abhängig angestellten Journalisten verlangen, dass sie
die Interessen ihrer Vorgesetzten ignorieren und somit die
Pfründe des Großkapitals gefährden? Darf man
in diesem Zusammenhang hoffen, dass offen und ehrlich die
Vor- und Nachteile der Globalisierung oder der EU
erörtert werden (Kapitalistisches
Ermächtigungsgesetz)?
Erinnert
sei bei dieser Gelegenheit an die oft hetzerische
Verurteilung der
Mehrwertsteuererhöhung
(bei
gleichzeitiger Senkung der Beiträge zur
Arbeitslosenversicherung) und der geschmacklosen
Verherrlichung der
Agenda
2010.
4.
Bezüglich die wichtigsten Fragen haben die
Volksvertreter wenig Ahnung...
Nach
dem Gesetz soll ja jeder Volksvertreter unabhängig sein
und nach eigenem Gewissen entscheiden können. Leider
wird dieser wichtigste demokratische Grundsatz selten
eingehalten. Unsere Welt ist inzwischen so kompliziert
geworden, dass die Volksvertreter die vielfältigen
komplexen Vorgänge längst nicht mehr selbst
durchschauen können.
Um
diesen Mangel zu kompensieren schufen die Parteien diverse
Arbeitskreise, auf die sie ihre Abgeordneten verteilen. In
diesen kleinen Expertengremien fallen dann gewöhnlich
die Entscheidungen, die später von den Parteisoldaten
brav abgenickt werden.
Auch
für die großen Fragen der wirtschaftlichen
Zukunft (von der schließlich alle anderen Bereiche
finanziell abhängig sind) gibt es nur wenige
Spezialisten und es gilt als ausgemacht, den Empfehlungen
dieser kleinen Fachschaft zu vertrauen.
Das
Fatale daran: Die ausgewiesenen Wirtschaftsexperten
stehen ganz im Fokus der Kapitallobby. Es besteht die
Gefahr, dass die Offenheit der Entscheidungsstrukturen
kriminelle Energien freisetzt (heimliche Bestechungen oder
auch offene Zuwendungen in Form von lukrativen
Aufsichtsratsposten, Beraterverträgen, Vortragsreisen
usw.).
Zudem
sind die Wirtschaftsexperten der Parteien natürlich
auch (wie wir alle) der allgegenwärtigen
Kapitalpropaganda ausgesetzt (die wir in der Regel als
solche leider gar nicht mehr wahrnehmen).
5.
Die EU mischt sich überall ein...
Als
weiteres Handicap erweist sich die Vormundschaft der EU. Die
Brüsseler Administration hat die europäischen
Regierungen mit Hunderttausenden Gesetzblättern,
Verordnungen und Vorschriften zugemüllt, die es alle zu
befolgen gilt (andernfalls drohen saftige Vertragsstrafen).
Es
grenzt an ein Wunder, wenn trotz dieses lähmenden
Gesetzesdschungels der Bundestag doch noch hin und wieder
eigenständige Gesetze durchbringen kann.
6.
Das Bundesverfassungsgericht als oberste Instanz...
Doch
die EU ist leider nicht die letzte Hürde, die genommen
werden muss. Auch der Bundesrat will bei allen
Gesetzesänderungen noch gefragt sein und landeseigene
Befindlichkeiten durchsetzen.
Den
Schlusspunkt dieser ständigen
KomproMisswirtschaft bildet
das
Bundesverfassungsgericht,
das letztlich noch demonstrativ alle Gesetze kippen kann.
Das Hickhack um die Pendlerpauschale
zeigt,
was diese oberste Instanz alles anrichten kann: Die
Rechtsexperten des Bundestages und der Regierung hatten das
ab Januar 2007 geltende Gesetz als eindeutig
verfassungskonform eingestuft.
Knapp
zwei Jahre später verkündet das
Bundesverfassungsgericht, dass die Mehrheit ihrer acht
Verfassungsrichter anderer Meinung sei. Begründung: Die
Aufwendungen für die Arbeit beginnen nicht erst am
Werkstor, sondern bereits an der
Wohnungstür.
Von
den Steuerzahlern wird nicht einmal erwartet, seine
diesbezüglichen Unkosten (zum Beispiel durch einen
Umzug in Betriebsnähe) möglichst niedrig zu
halten.
Es kann also jedermann auf Kosten der Gemeinwohls
jahrzehntelang täglich 100 km zur Arbeit fahren. Und
die 80 Millionen Leidtragenden dieses künstlich
aufgeblasenen Verkehrsaufkommens sollen für diesen
Frevel auch noch aufkommen!
Die
hohen Umweltschäden und Verkehrsopfer sind
nebensächlich, ebenso, ob der der Staat an derlei
Belastungen pleite geht oder nicht. Der Schutz der
Umzugsmuffel geht vor. Es lohnt sich sogar, wegen 100 Euro
Mehrverdienst den Arbeitsplatz in der Nähe abzulehnen
und einen weiten Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen - weil der
Staat für die Kosten aufkommt. Irgendwie schafft die
Autolobby es doch immer wieder, ihre Interessen
durchzusetzen. Es ist schon merkwürdig...
Das
Grundgesetz scheint mir nicht nur in diesem Zusammenhang
mangelhaft und unzeitgemäß. Es wurde vor
über 60 Jahren unter dem Eindruck der Nazidiktatur
von
fehlbaren
Menschen
so sehr festgezurrt, dass es kaum reformfähig ist und
nicht einmal die offensichtlichsten Fehler korrigiert werden
können. Das Grundgesetz soll eine neuerliche Diktatur
um jeden Preis verhindern - aber es verhindert gleichzeitig
auch die Entwicklung zur echten Demokratie (Scheindemokratie).
Es
gibt noch weitere Schwachpunkte und
Gesetzmäßigkeiten die zu den bekannten Serie von
Fehlentscheidungen führen. Auffallend und sehr
verdächtig scheint mir zum Beispiel die mangelnde
Streitkultur - wurde im Bundestag jemals ernsthaft über
den Sinn oder Unsinn der EU gestritten (sie wird als "Muss"
oder einzige Alternative angesehen), wird über
die
Vor-
und Nachteile des
Zollzölibats
auch
nur eine Silbe verloren?
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macht es für einen Sinn, den wirklich
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Manfred
Julius Müller
analysiert
seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und
veröffentlicht brisante Aufsätze zu den heikelsten
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